Woran Sie erkennen, ob Ihre Bereitschaft trägt, und woran nicht
Die Frage stellt sich selten laut. Sie steht im Raum, während die Verträge vorbereitet werden, während der Termin beim Notar näher rückt, während alle davon ausgehen, dass die Sache geklärt ist. Nach außen sind Sie qualifiziert, vorgesehen, bereit. Nach innen ist da ein Zögern, das Sie sich kaum eingestehen, weil es zu spät zu kommen scheint.
Dieses Zögern ist keine Schwäche und kein schlechtes Zeichen. Es ist die einzige Frage, die vor einer Übernahme wirklich zählt, und sie wird am seltensten gestellt. Wer ein Unternehmen übernimmt, das über Jahrzehnte von einem anderen Menschen geführt wurde, übernimmt mehr als eine Funktion. Ob Sie das tragen wollen, entscheidet sich nicht am Kompetenzprofil.
Warum Qualifikation die falsche Messlatte ist
Die meisten Nachfolgerinnen und Nachfolger prüfen ihre Bereitschaft an der Frage, ob sie es können. Sie zählen auf, was sie gelernt haben, welche Erfahrung sie mitbringen, wo sie im Betrieb schon Verantwortung getragen haben. Diese Prüfung ist naheliegend und führt in die Irre, weil sie die falsche Größe misst.
Können lässt sich nachholen. Wo Ihnen fachlich etwas fehlt, schließen Sie die Lücke durch Weiterbildung, durch erfahrene Mitarbeiter, durch Zeit. Führung ist keine Fähigkeit, die man erwirbt, sondern eine Haltung, die man einnimmt. Die Frage ist deshalb nicht, ob Sie den Betrieb verstehen. Wenn Sie in ihm aufgewachsen sind, verstehen Sie ihn vermutlich besser als jeder externe Kandidat. Die Frage ist, ob Sie bereit sind, ihn zu führen, und das heißt: ob Sie bereit sind, Entscheidungen zu treffen, die gelten, auch gegen den, der ihn vor Ihnen geführt hat.
Die drei Fragen, die zählen
Bereitschaft zeigt sich an drei Punkten. Keiner davon steht in einem Zeugnis, alle drei lassen sich ehrlich prüfen, wenn Sie sich die Zeit dafür nehmen.
Wollen Sie es, oder wird es von Ihnen erwartet? Das ist die schwerste und die wichtigste Frage. In einem Familienunternehmen ist die Erwartung oft so alt, dass sie sich wie ein eigener Wunsch anfühlt. Sie sind hineingewachsen, es war immer klar, dass Sie einmal übernehmen, und irgendwann haben Sie diese Selbstverständlichkeit übernommen, ohne sie geprüft zu haben. Ein echtes Ja hält durch die ersten schwierigen Jahre. Ein Ja aus Loyalität, aus Pflichtgefühl oder weil kein anderer da ist, trägt selten so weit. Die Prüfung ist unbequem, weil sie eine Antwort zulassen muss, die niemand hören will. Nur wenn das Nein denkbar ist, bedeutet das Ja etwas.
Was würden Sie entscheiden, wenn der Übergeber nicht im Raum wäre? Wer lange in einem System mitgearbeitet hat, hat gelernt, wie darin entschieden wird, was erwartet wird und was Konflikte auslöst. Irgendwann führt man nicht mehr, man antizipiert. Man trifft die Entscheidung, von der man weiß, dass der Vorgänger sie mittragen würde, und hält sie für die eigene. Prüfen Sie das an konkreten Fällen. Nehmen Sie eine anstehende Entscheidung und fragen Sie sich, was Sie täten, wenn niemand über Ihre Schulter schaute. Wenn Ihnen die Antwort schwerfällt, ist das kein Mangel an Kompetenz, sondern ein Zeichen, dass die Führung noch nicht bei Ihnen liegt.
Halten Sie Verantwortung, wenn es schwierig wird? Führung zeigt sich nicht, wenn alles läuft, sondern in der Krise. Sehen Sie zurück auf die Situationen, in denen es eng wurde. Haben Sie entschieden oder sich abgesichert? Haben Sie eine unbequeme Wahrheit ausgesprochen oder sie umgangen? Haben Sie einen Fehler übernommen oder erklärt, warum die Umstände schuld waren? Ihr Verhalten im Kleinen sagt Ihre Bereitschaft im Großen zuverlässiger voraus als jede Absichtserklärung.
Was Bereitschaft nicht ist
Bereitschaft ist nicht das Fehlen von Zweifel. Wer ohne jedes Zögern in eine Übernahme geht, hat ihre Tragweite meist noch nicht erfasst. Ein gewisses Maß an Unsicherheit gehört zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der Aufgabe. Das Zögern, von dem am Anfang die Rede war, ist deshalb kein Grund zurückzutreten. Es ist ein Grund, genau hinzusehen.
Bereitschaft ist auch nicht die Gewissheit, alles zu beherrschen. Sie werden Fehler machen, und Sie werden aus ihnen lernen. Wer darauf wartet, bis er sich vollständig sicher fühlt, wartet auf einen Zustand, der vor einer Übernahme nicht eintritt und danach auch nicht. Die Sicherheit entsteht im Führen, nicht davor.
Bereitschaft ist die Klarheit darüber, dass Sie die Aufgabe wollen, dass Sie eigene Entscheidungen treffen können und dass Sie Verantwortung halten, wenn es unbequem wird. Mehr braucht es nicht, und weniger trägt nicht.
Wenn die Antwort unklar bleibt
Manchmal führt die ehrliche Prüfung nicht zu einem klaren Ja und nicht zu einem klaren Nein, sondern zu der Erkenntnis, dass etwas fehlt. Vielleicht brauchen Sie mehr Zeit mit echter Verantwortung, bevor Sie die Gesamtführung übernehmen. Vielleicht ist die Rolle, die für Sie vorgesehen ist, nicht die, die zu Ihnen passt. Vielleicht liegt das Zögern nicht an Ihnen, sondern daran, dass die Führung im Betrieb faktisch noch beim Übergeber liegt und Sie eine Verantwortung übernehmen sollen, die man Ihnen nicht wirklich überlässt.
Diese letzte Möglichkeit ist häufiger, als sie benannt wird. Wenn Sie bereit sind, aber im Alltag weiterhin wie ein Vertreter geführt werden, liegt das Problem nicht bei Ihrer Bereitschaft. Es liegt darin, dass die Übergabe der Führung noch nicht stattgefunden hat, während die formale Übertragung längst vorbereitet ist. Wie sich das zeigt und woran es liegt, steht in Wenn der Nachfolger verwaltet statt führt und in Wer entscheidet, wenn der Senior noch da ist.
Die Frage, ob Sie bereit sind, lässt sich nicht an einem Nachmittag beantworten. Sie lässt sich aber stellen, ehrlich und rechtzeitig, bevor die Unterschrift eine Entscheidung besiegelt, die innerlich noch offen ist.
Susanne Kruse begleitet familieninterne Führungsübergaben in Familienunternehmen, deutschlandweit, online und vor Ort. Wie eine Übergabe abläuft, in der beide Seiten begleitet werden, steht auf der Seite zur Führungsübergabe vor der Nachfolge.
Weiterführend: Unternehmensnachfolge im Familienunternehmen, die geordnete Übersicht aller Texte.
